des Magiers Träume

14. Februar 2015

Arushs kleiner Finger machte ihm zu schaffen. Während die anderen keine Probleme hatten, dem Schritten Adryans mitzuhalten, fiel es ihm reichlich schwerer.
Ständig musste er seine Wunde zudrücken, um etwas weniger Schmerzen empfinden zu können.

Er war eigentlich nicht für so etwas geschaffen.
Dörfer überfallen, Menschen verfolgen.
Viel lieber würde er Zuhause in der warmen Wüste von Formos seine Tiere hüten und noch einmal den warmen Sand unter seinen Füßen spüren.
Sand.
Er würde jetzt alles dafür geben, um Wüstensand durch seine Finger gleiten zu lassen.
Doch er würde nie mehr dorthin zurückkehren, das wusste er.
Es war töricht von ihm gewesen, seinen Freunden mit in diesen Feldzug zu folgen. Dieser Krieg war erst bei seinem Anfang und würde vielleicht noch ewig andauern. Seine Chancen, auch nur die nächsten Wochen zu überleben, schätzte Arush als sehr gering ein.
Dafür war er noch zu unerfahren im Kampf.
Beim nächsten Fehler verliere ich vielleicht mehr als meine Fingerspitze.

Leute, wie Mynack oder Adryan waren für das Schlachtfeld geboren.
Was Mynack an Intelligenz fehlte, machte er mit seiner Axt wieder wett. Wenn Er einmal ausholte, gab es für sein Gegenüber meist kein Zurück mehr.
Adryan war eine Klasse für sich. Blitzschnelle Reaktionen, gepaart mit einer Voraussicht, die seinesgleichen suchte. Natürlich durften seine gefährlichen Feuerbälle auch nicht fehlen.
Arush wollte gar nicht wissen, wie viele Menschen seinetwegen schon dem Feuer zum Opfer fielen.

Der Himmel erhellte sich langsam wieder, als sie am Schattenpass angelangt waren.
Dort machten sie kurz halt.
„Sie haben keine Rast eingelegt.“ Sagte Zylayn, ein kleiner muskulöser Bulle, dessen Tätowierungen sein ganzes Gesicht bedeckten. „Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut.“
Darauf entgegnete Adryan, der sich langsam auf den Boden setzte. „Die Angst ist dazu in der Lage, jeden körperlichen Schmerz vergessen zu lassen. Hast du denn Angst, Zylayn?“
„Ich habe nie Angst.“
„Das ist bedauerlich, denn irgendwann kann sie dir dein Leben retten. Ich wette, der kleine Arush hier hat Angst im Überfluss. Ist es nicht so, Arush?“
„Ja, manchmal.“ Antwortete Arush. Er wusste nicht so recht, wie er auf die Frage reagieren sollte. „Deswegen“ Fing Adryan an, ohne irgendjemanden anzuschauen. Sein Blick galt dem Boden unter ihm. „Wirst du länger überleben, als Zylayn. Aber ich denke, dass er nicht ganz die Wahrheit sagt. Jeder Mensch hat Angst. Das gehört zum Leben dazu. Vielleicht hat er nur keine Angst vor dem Tod oder vor dem Feind, aber sicherlich vor etwas anderem.
Seine Familie.“
Zylayns Augen weiteten sich. Bis zu diesem Zeitpunkt war ihm nicht klar, dass er genau so fühlte. Er hatte tatsächlich Angst davor, seine Familie zu verlieren, oder nie wieder zu sehen.
Sie war sein einziger Grund, diese Sache überleben zu wollen.
Bis jetzt hatte er diese Gefühle erfolgreich verdrängen können.
Er schwieg, doch das bestätigte nur Adryans Aussage.
„Ah…“ sagte der Magier und starrte immer noch auf den Boden. „Also doch Angst. Aber genau deswegen habt ihr euch entschieden, aus eurer warmen Wüste… eurem sandigen Gefängnis auszubrechen und an diesem Krieg teilzuhaben.
Damit eure Familien endlich in Sicherheit überleben können. Und wer weiß… vielleicht sogar auch außerhalb der Wüste.“
Darauf schwiegen sie alle. Fast jeder von Ihnen hatte eine Familie in Formos, die dazu verdammt war, bis in alle Ewigkeit in der Wüste zu verharren.
Adryan hatte Recht. Genau deswegen hatten sie sich mit den schwarzen Magiern verbündet.
Zu lange schon hatten die Formosi für ihre Vorfahren büßen müssen.
Seit Jahrhunderten waren sie nun schon ausgestoßene, vogelfreie Menschen.
Dann meldete sich Arush zu Wort. „Wart ihr da, als die Magierfeste belagert wurde?“
Bei diesen Worten blickte Adryan zum ersten Mal auf. Sein Blick war nun nicht mehr so starr und kalt. Ein kleiner Anflug von Traurigkeit war in seinen Augen zu erkennen.
„Ja.“ Fing er an. Seine Stimme war nun auch nicht mehr so kalt, wie sonst.
„Ja, ich war da. Wir waren zu unvorbereitet, zu schnell. Es war ein Gemetzel. Kein Wunder, denn von uns kannte niemand den Krieger zu unserer Linken. Wir waren ein zusammengewürfelter Haufen zweier völlig fremder Völker. Ich wusste von Anfang an, dass es nicht gut laufen würde. Ich entkam nur knapp mit schwersten Verbrennungen.“

Adryan bemerkte, dass alle sich innerlich fragten, wo die Verbrennungen waren.
Er überlegte eine Weile, dann entschied er sich, sie ihnen zu zeigen.
Mit einigen Handbewegungen öffnete er vorne seinen ledernen Brustpanzer und zog ihn aus.
Als die anderen auf seine Brust sahen, verschlug es ihnen endgültig die Sprache. Einige mussten sich fast übergeben, konnten es aber gerade noch runterschlucken.
Seine Brust war nicht mehr da. Stattdessen waren sämtliche Knochen zu sehen. Die übrig gebliebene Haut hatte sich hinter den Knochen versteckt und war bis zum Bauchnabel Kohlrabenschwarz.
„Die Angst war es…“ Fing Adryan wieder an. „die mich vor dem Tod bewahrt hat.“

Nachdem er sich seinen Brustpanzer wieder umgeschnallt hatte, stand er schweigend auf und setzte seinen Marsch Richtung Süden durch den Schattenpass fort. Die Anderen folgten ihm, ebenfalls schweigend.

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1 Kommentar
Cassandra
15. Februar 2015 @ 6:22

Eine sehr tolle Geschichte.
Das Ende ist sehr spannend geschrieben und macht Lust auf mehr.

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